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Ohne Wasser läuft es nicht

Ein Lesebuch zur Lage bundesdeutscher Gewässer

hrsg. von Marie-Luise Kübler

Kübler Verlag
Michael Akselrad

Wolfgang Landsfeld

Keine Talsperre im Ernstbachtal

Eine Talsperre darf in einem "Wasserbuch" nicht fehlen, auch wenn sie hoffentlich nur auf dem Papier bleibt - die Ernstbachtalsperre. Warum? Weil ich mich wohl fühle in diesem Ernstbachtal im Rheingauer Hinterlandswald, Und so geht es noch Anderen, die sich als "Freunde des Ernstbachtales" in einer überparteilichen Bürgerinitiative zusammenfinden, um die geplante Trinkwas­sertalsperre zu verhindern.

Zum Herzen kommt der Kopf, zum Gefühl das Argument. Und ein ganz wesentliches gegen die Talsperre liefert der Betreiber der Sperre, der Wasserbe­schaffungsverband Rhein-Main-Taunus, selbst: "Das Ernstbachtal liegt in einer ungestörten Mittelgebirgslandschaft, wie sie in der Nähe eines Ballungsraumes nur noch selten angetroffen wird." Diese richtige Deklarierung des Rheingauer Hinterlandswaldes als "selten" verbietet doch per se, diese Landschaft mit einem Talsperrenbau in den zivilisatorischen Würgegriff zu nehmen!

Talsperren in intakte Bachtäler?

Aus der Unberührtheit des Ernstbachtales ergeben sich freilich für die Trink­wasserhändler erhebliche Vorteile: Wasserqualität, Sauerstoffgehalt und Temperatur erfüllen die Erfordernisse von gutem Trinkwasser. Die Flüsse und Bäche in der Bundesrepublik mit hoher Gewässergüte sind rar gemacht worden. Und sie liegen in Gebieten, die insgesamt noch relativ unberührt sind von zivilisatorischen Schädigung.

Das Verlangen der Wasserwirtschaft, dort Talsperren zu errichten, nimmt deutlich zu. Im bayerischen Spessart ist es bis heute einer Aktionsgemeinschaft von Bürgern gelungen, einen geplanten "Trinkwasserstausee im Hafenlohrtal zu verhindern. Das Hafenlohrtal ist das letzte ökologisch noch intakte Spessarttal. Und während ich an dieser Arbeit bin, lese ich in der Frankfurter Rundschau von den Plänen für eine Talsperre im Oberbergischen Land. Das Naafbachtal, das von achtzig Millionen Kubikmetern Wasser ertränkt werden soll, wurde Von der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Ökologie noch in diesem März als besonders schutzwürdig bezeichnet.

Dieser Zugriff der Wasserwirtschaft ist ein weiterer Schritt in deren Rückzugsstrategie mit Zerstörungsspur (mit Dr. Stolpe gesprochen): Nach der Vergiftung der Flüsse, der Ausräuberei der großen Grundwasservorkommen nun die Verbauung letzter naturnaher Bachtäler!

Das Ernstbachtal ins Rheingauer Hinterlandswald

Der dichte Rheingauer Hinterlandswald ist das Abflussgebiet der Wisper, die bei Lorch in den Rhein mündet. Die großen Buchenwälder, durchmischt mit Hainsimsen, Eichen und leider zunehmend Fichte und Douglasie, die Äcker, Wiesen und Brachflächen und das ausgedehnte Netz von Bächen bieten Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. Rot-, Reh- und Schwarzwild, Dam- und Muffelwild, eine typische Waldvogelfauna, Forellen, Elritzen und Groppen, Ringelnatter, Frösche, Kröten und diverse Molche, eine reiche Insektenwelt, seltene Schmetterlinge, die scheue Wildkatze, Trollblume, Sumpfveilchen, Nestwurz, Knabenkräuter und viele andere sind hier anzutreffen.

Das Ernstbachtal selbst ist ein markantes Kerbtal, von den Wassern, die sich vom Kamm des Rheingaugebirges ihren Weg suchten, eingeschnitten in den wenig widerstandsfähigen Ton- und Bänderschiefer des Unterdevons.

Der Ernstbach ist ein typischer, unbelasteter Mittelgebirgsbach, ein wichtiger Biotop für Wasseramsel und Eisvogel. Auf seinem rund 12 Kilometer langen Lauf vereinigen sich zahlreiche Seitenbäche mit ihm und bilden so ein verschlungenes System von Bachtälern von etwa 30 Kilometer Gesamtlänge in einem fast völlig bewaldeten und unbesiedelten Gebiet.

Das Projekt Talsperre - oder: Das Ende der "ungestörten Mittelgebirgslandschaft"

Dieses seltene Waldbachtal soll zur Wisper hin mit einer 88 Meter hohen und 415 Meter breiten Betonmauer zugesperrt werden. Allein dieses Betonmonstrum, höher als der höchste Kirchturm im Rheingau - und wir leben in einer wohlhabenden katholischen Gegend mit großen Kirchen - wird das Landschaftsbild verunstalten. Kilometerweit werden das Ernstbachtal und seine schluchtartigen Seitentäler überstaut; bis zu 41 Millionen Kubikmeter Wasser sollen in der ersten Ausbaustufe in dem Kerbtal gesammelt werden. Zehntausende von Bäumen, darunter mächtige Naturdenkmäler, werden im 110 Hektar großen Stauraum abgeholzt. Hinzu kommt die Forderung der Limnologen, den Laubmischwald in Schutzzone I rund um den See und entlang der speisend. Bäche in Schutzzone II die Erlenmisch- und Eichen-Hainbuchenwälder durch Nadelholzbestände zu ersetzen, um die Einwehung von Laub und damit mögliche Eutrophierung zu verhindern. Fällaktionen für Trassen für Materialseilbahn, Betriebsstraße, Leitungen u.a. kommen noch hinzu.

Mit Wasserspiegelschwankungen bis zu maximal 71 Metern wird der Hauptstauraum den häßlichen. Anblick von bis zu 150 Meter breiten, toten Schlamm und Geröllzonen an den Hängen und auf bis zu 4 Kilometern Länge im Talgrund bieten.

Dieses - wissenschaftlich gesprochen - "naturferne System", dieser häßliche Fremdkörper wird aber mit Sicherheit gerade die Zeitgenossen anlocken, die heute in ihren Autos noch achtlos am Ernstbachtal vorbeifahren. Parkplätze, ein Besucherpavillon, ein höhengleicher Rundwanderweg, möglicherweise Trimm- und Grillplätze und anderes, was unsere Freizeit so herrlich ausfüllt, werden den Ausflugsrummel mitten in den Rheingauer Hinterlandswald tragen. Dabei darf der See gemäß den Richtlinien für Trinkwassertalsperren nicht betreten werden. Am Ende der mindestens dreijährigen Bautätigkeit an der Großbaustelle Ernstbachtalsperre wird es den Rheingauer Hinterlandswald als ungestörte und seltene Mittelgebirgslandschaft nicht mehr geben! Ein "Gesamtökologisches Gutachten" der Hess. Landesanstalt für Umwelt spricht sich gegen die Talsperre aus, Regierungspräsident und Umweltminister halten es unter Verschluss.

Eine Talsperre in einem relativ niederschlagsarmen Gebiet

Das klassische Talsperrengebiet in der Bundesrepublik ist der Nordwestrand der Mittelgebirgskette: Eifel, Bergisches Land, Sauerland, Harz. Hier laden die vorherrschenden Westwinde einen Großteil ihrer Wasserfracht ab. Vergleicht man die Jahresniederschläge von charakteristischen Orten aus den Flußgebieten von Wupper, Ruhr und Roer als klassischen Talsperreneinzugsgebieten mit denen des Wispergebietes, so stellt man fest: Die mittleren Jahresniederschläge an Roer (über 1000 mm), Ruhr (über 1100 nun) und Wupper (fast 1300 mm) sind um mehr als 50 bis 80 Prozent höher als an der Wisper mit knapp 700 mm.

Entsprechend muß hier das Wasser aus einem sehr großen Einzugsgebiet ins Verhältnis zum Stauraum abgeschöpft werden, um die Talsperre zu füllen. Das Wasseraufkommen aus dem 35 Quadratkilometer groß. Einzugsgebiet des Ernstbaches mit mittleren 14.000 Kubikmetern pro Tag reicht bei weitem nicht aus, die Talsperre rentabel zu betreiben. Durch Beileitungen aus dem Einzugsgebiet der oberen Wisper erhöht sich die verfügbare Trinkwassermenge in der ersten Ausbaustufe auf 51.000 Kubikmeter pro Tag, entsprechend 188 Millionen Kubikmeter pro Jahr, bei einem Einzugsgebiet von 135 Quadratkilometern.

Während sich die meisten Talsperren ausschließlich oder doch überwiegend aus dem Wasser ihres natürlichen Einzuggebietes speisen, stammt das Wasser der Ernstbachtalsperre somit zu rund 75% aus dem Einzugsgebiet der oberen Wisper. Wir müssen also von einem Wisperstausee im Ernstbachtal sprechen.

Die obere Wisper selbst, ihre Seitenbäche Gladbach, Dornbach-Fischbach und Herzbach-Mehrbach werden hinter bis zu 20 Meter hohen Betonmauern gestaut bei einem Rückstau von 300 - 400 Metern. Ihr Wasser wird über Beileitungsstollen in eine Vorsperre ins Ernstbachtal gepumpt.

Das hat böse Folgen für die Wisper. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit der Talsperre werden der Wisper - bildlich - rund 3 Eimer pro Sekunde belassen, was ein Rinnsal in rechteckiger Rinne von einem Meter Breite und 3 Zentimetern Tiere »mit«. Diese »Pflichtabgabe« dient aber noch zur Verdünnung der aus den Siedlung. im Einzugsgebiet zu sammelnden Abwässer. Nach Durchlauf durch eine noch zu bauende zentrale Kläranlage kommen noch etwa 20 Liter pro Sekunde Schmutzwasser zu der "Pflichtabgabe" hinzu. Die Folgen werden sein: Tod der Fische, die Entwicklung einer besonderen Duftnote und eine Umgestaltung der Pflanzenwelt. Die Feuchtwiesen, die wasserliebende Krautschicht und vielleicht gar die Augehölze werden durch trockenresistentere Arten (z.B. Brombeere) verdrängt.

Die Freunde des Ernstbachtales wollen diese rücksichtslose Ausbeutung des Wasserschatzes fast des gesamten Wisperraumes als Voraussetzung eines wirtschaftlichen Talsperrenbetriebes nicht hinnehmen.

Was tun gegen die Gefahr der Eutrophierung?

Sagte ich eingangs - die Betreiber zitierend - das Wasser aus dem Einzugsgebiet des Ernstbaches sei von hervorragender Qualität, so gilt das keineswegs für das Wasser aus dem Einzugsbereich der oberen Wisper. Dreizehn Dörfer mit landwirtschaftlichen Betrieben liegen in diesem Einzugsgebiet. Die kommunalen Abwässer werden in einer Zentralen Kläranlage erfaßt. Der überwiegende Anteil der Nährstoffe - der Phosphate - die massenhafte Algenentwicklung im Stausee bewirken kühnen, entzieht sich jedoch kanalisationstechnischen Maßnahmen. Gerade die Hochwässer, die zur Füllung der Talsperre unbedingt gesammelt werden müssen, bringen Dünge- und Spritzmittel, Straßenschmutz usw. mit in die Wasserfassungen und schließlich in die Vorsperre im Ernstbachtal. hinzu kommen natürliche Stoffauswaschungen und -transporte ins Schiefergebiet.

Uns der drohenden übermäßigen Nährstoffbelastung (Eutrophierung) der Talsperre zu begegnen, reicht es unseres Erachtens nicht aus, die Laubmischwälder im Talsperrensystem großflächig durch »Schwarzwald« zu ersetzen. Ohne zusätzliche Maßnahmen wird die Ernstbachtalsperre eine schleichende Nährstoffanreicherung durchmachen. Lehrbeispiel hierfür ist die Wahnbachtalsperre im Siegerland. Im Laufe ihres fünfundzwanzig jährigen Bestehens führte eine allmähliche Eutrophierung schließlich zu zeitweise massenhaftem Auftreten von Blaualgen, was die Wasseraufbereitung störte und die Trinkwasserqualität minderte. Es mußte unbedingt ein Konzept zur Oligotrophierung (Nährstoffentlastung) der Wahnbachtalsperre, zur Reduzierung des Phosphateintrages entwickelt werden.

In dem zu mehr als 50% landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebiet wollte man den Landwirten keine strengen Auflagen machen wie Beschränkung des Düngereinsatzes. Mars bat dort zwei Verfahren entwickelt: die hypolimnische Belüftung und die Phosphor-Eliminierung. Bei der hypolimnischen Belüftung wird der sedimentierende Schlamm durch künstliche Sauerstoffzufuhr in die Lage versetzt, die Phosphate, die als Nährstoffe in den Algenzellen eingelagert sind und mit den abgestorbenen Algenzellen sedimentieren, chemisch zu binden. Mit der 1977 errichteten Phosphor-Eliminierungsanlage wird das Ziel verfolgt, der ständigen übermäßigen Belastung mit Phosphorverbindungen vor allem von den landwirtschaftlichen Nutzflächen schon vor der Einleitung in die Talsperre zu begegnen. Das in der Vorsperre gesammelte Wasser wird in der Phosphor-Eliminierungsanlage drei Verfahrensschritten unterworfen, um die Konzentration aller Phosphatverbindungen im Stausee auf ein vertretbares Maß zu reduzieren: I. Fällung der Phosphate, 2. Flockung der partikulären Substanzen und 3. Entnahme durch Mehrschichtfiltration.

Das Ziel der Oligotrophicrung der Wahnbachtalsperre ist heute erreicht. Bei der Ernstbachtalsperre wird man der Eutrophierung von Anfang an in dieser Weise begegnen müssen. Die Gelder für diese Maßnahmen sind allerdings in der bisherigen Kalkulation der Ernstbachtalsperre nicht enthalten - und einige zig-Millionen kostet das. Nicht nur in diesem Punkt habe ich den Eindruck, die Planer, die wahrscheinlich mit den Bauleitern identisch sind, verfahren nach dem Motto, zunächst mit der halben Wahrheit - vor allem der Kosten - die politische Zustimmung einzuholen, um dann mit der Macht des Faktischen die ganze Wahrheit und die wahren Kosten präsentieren zu können. Sie verdienen allemal gut dabei.

Die erste Bogenmauer und schwieriges Gelände

Wie können die riesigen Wassermengen mit ihrer ungeheuren Bewegungsenergie und damit einem möglicherweise verheerenden Zerstörungspotential überhaupt in einem Stausee festgehalten werden? Hierfür gibt es prinzipiell drei Methoden:

- eine dicke Mauer, die durch ihr schieres Gewicht dem Druck der Wassermassen standhält - Beispiele sind die Ockertalsperre im Harz und die Edertalsperre im Waldecker Land; - ein Erddamm, was die Regel bei unseren Stauseen ist - eine Betonmauer, eine sog. Bogen(gewichts)mauer.

Eine solche Bogenmauer ist bei der Ernstbachtalsperre als Absperrbauwerk vorgesehen. Es handelt sich bei der projektierten Bogenmauer im Ernstbachtal bemerkenswerterweise um die erste dieser Art in der Bundesrepublik. Dies könnte für die Bewohner der Stadt Lorch am Rhein als Unteranlieger der Talsperre ein trauriger Rekord werden, denn es kommt ein weiterer, zweifelhafter Superlativ hinzu: Die Ernstbachtalsperre wird auf dem schwierigsten und also unsichersten Gelände gebaut, auf dem in der Bundesrepublik je eine Talsperre errichtet wurde. Professor Heitfeld, ein Talsperrenexperte, der für Lorch die Sicherheit der Staumauer beurteilte, kann heute dem Talsperrenbau noch nicht zustimmen, obwohl für diese Talsperre seines Wissens das bisher umfangreichste Untersuchungsprogramm in Deutschland durchgeführt wurde. Konsequenterweise fordert er weitere umfangreiche Untersuchungen, die zur Folge haben könnten, daß die projektierte Bogenmauer nicht zu verantworten ist. Bisherige Bohrungen trafen zum Teil auf gestörte Gebirgsverhältnisse, wonach mit Störungen parallel zum Tal gerechnet werden muß, die die Achse der Bogenmauer kreuzen würden.

Für die Wahl der Bogenmauer waren nicht Sicherheit, sondern Wirtschaftlichkeitsgründe ausschlaggebend. Ein Damm verschlänge mehr Geld, da ein geeigneter Schüttgrund in näherer Umgebung nicht zur Verfügung steht. Dämme aus Geröll, Kies, Lehm und Sand saugen sich bis zum "Dichtungskern" voll mit Wasser und federn den Druck elastisch ab. Sie bieten eine größere Sicherheit als Betonmauern, aber auch keine absolute, wie zahlreiche Dammbrüche belegen.

Bei der erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Technik der Bogenmauer stemmt sich das Betongewölbe gegen den Wasserdruck und leitet ihn seitlich auf die Widerlager, die absolut fest im Gelände verankert sein müssen. Die anstehenden Hunsrückschiefer im Ernstbachtal sind aber kein optimaler Baugrund für eine Bogenmauer.

Ich muß an das Staudamm-Unglück von Frejus im Südfrankreich ins Jahre 1959 erinnern, wo ein Widerlager der Betonmauer verrutschte, die Mauer brach und 361 Menschen in der Flutwelle starben. Neben dem Baugrund der Staumauer können vor allem Geländebewegungen einen Staudamm beeinflussen. Geologisch gesehen wird die Ernstbachtalsperre im erdbebengefährdeten Gebiet des Oberrheingrabens errichtet. Die Talsperre soll für stärkste Beben der Intensität VII der XII-teiligen Mercalli-Skala ausgelegt sein; größere Intensitäten können aber nicht ausgeschlossen werden. Nur wenige Kilometer entfernt wurde 1846 bei St. Goar ein Beben der Stärke VII registriert. Nach einer Übersichtskarte von Ahorner & Rosenbauer (führende deutsche Seismologen) aus dem Jahre 1977 muß im Wisperraum mit Beben der Stärke 7,4 gerechnet werden bei der Eintrittsrate von 2 • 10-4Jahr, also ein Mal in 5000 Jahren!

Erst seit wenigen Jahrzehnten haben die Geowissenschaften erkannt, daß durch den Aufstau von Wassermassen Erdbeben selbst in sonst erdbebenfreien Zonen ausgelöst werden können. Es existieren zur Zeit noch keine verläßlichen Methoden, das Auftreten und das Ausmaß einer »induzierten Seismizität« solcher Staudamm-Erdbeben vorauszubestimmen. Insofern muß bezweifelt werden, ob die induzierte Seismizität bei der Ernstbachtalsperre zu vernachlässigen ist, wie die Planer meinen.

Auch ohne Erdbeben ist das Gelände im Ernstbachgebiet in Bewegung. Infolge v. Erosionen im unteren Talbereich liegen im Staugebiet vier rutschgefährdete Hänge mit einem potentiellen Rutschmaterial bis zu jeweils über 2 Millionen Kubikmetern. Diese Hangrutschgefahren wurden von den Planern bisher verniedlicht.

Ohne direkt Parallelen herstellen zu wollen, muß ich auf die grauenvollen Erfahrung mit Hangrutschungen in einer Talsperre hinweisen. Am 9. Oktober 1963 rutschte der ganze Nordhang des Monte Toc in den Stausee bei Longarone im Piave-Tal in Norditalien. Die Vaiont-Mauer, mit 262 Metern damals die höchste der Welt, hielt stand. Eine Flutwelle von 50 Millionen Kubikmetern Wasser aber schwappte über sie. In Longarone überlebten nur wenige Menschen.

Die Gründe für das Beharren auf der Ernstbachtalsperre müssen schon sehr handfest sein, wenn man den Lorchern das »Sicherheitsrisiko« Talsperre zumutet. Davon kann aber keine Rede sein.

Die Irrwege der hessischen Wasserwirtschaft

Als die Stadtwerke Wiesbaden (ESWE) 1963 begannen, die Möglichkeiten für eine Trinkwassertalsperre im Einzugsgebiet der Wisper zu untersuchen, zeigte der Trinkwasserverbrauch eine stetige Zunahme. Der vom Regierungspräsidium Darmstadt aufgestellte Sonderplan »Wasserversorgung Rhein-Main, Teil 1« aus dem Jahr 1967 prognostizierte mit der hinlänglich bekannten und unhaltbaren Methode der Hochrechnung gegebener Wachstumsraten eine jährliche Steigerung des Wasserverbrauchs von 4,8% bis in die neunziger Jahre. Mit dieser Spekulation wurde eine Wasserversorgungskonzeption für das Rhein Main-Gebiet entworfen, die sich als fatal erwiesen hat und endlich gestoppt werden muß.

1969 schreibt der Hessische Minister für Landwirtschaft und Forsten in naiver Offenheit, zur Deckung dieses zukünftigen Bedarfs sei zunächst geplant, »die noch vorhandenen Grundwasserreserven auszuschöpfen«. Im Hessischen Ried und im Nidda-Tal im Vogelsberg wurde das bis zu den bekannten Konsequenzen von Wäldersterben und Häuserrissen getrieben. Danach, so der Minister damals, müssten andere Maßnahmen wie Errichtung einer Trinkwassertalsperre ins Ernstbachtal sowie großräumige Grundwasseranreicherungen in Erwägung gezogen werden. Mit solchen Großprojekten, Großwasserwerken und, Wasserverbänden sowie einem großräumigen Versorgungsbund werden bewußt kleine, durchaus mögliche, lokale Erschließungen oder gar Autarkiebestrebungen von einzelnen Gemeinden oder Landkreisen ausgeschlossen, da sie sich »nicht sinnvoll« in die angestrebte zentralistische »Endlösung» (ein deutsch. Vorzugswort) einfügen.

Selbst innerhalb der Logik dieses Versorgungskonzeptes dürfte es heute für eine Talsperre im Ernstbachtal keinen Platz mehr geben. Der Regierungspräsident in Darmstadt kam nicht umhin, 1978 eine aktualisierte Wasserbedarfsprognose für das Rhein-Main-Gebiet vorzulegen. Aus der bis in die neunziger Jahre: prognostizierten jährlichen Wasserverbrauchssteigerung von 4,8 % wurden jetzt 1,7 %. Der Hessische Umweltminister beauftragte 1979 das Battelle-Institut in Frankfurt mit einer unabhängigen Prognose. Battelle bescheinigte der RP-Prognose aus dem Jahr zuvor eine zu »optimistische Wachstumsrate«. Und heute, 1981, weist die Hessische Landesanstalt für Umwelt darauf hin, daß der Trinkwasserverbrauch im Rhein-Main-Gebiet seit 1973 eine stagnierende bis leicht fallende Tendenz hat (Ausnahme Jahrhundertsommer 1976), und fordert planerische Konsequenzen. Aber statt die Planungen den Realitäten anzupassen, hält man im Umweltministerium, ins RP und im Wasserbeschaffungsverband an den überholten Planungen fest.

Diese Absurdität wird besonders deutlich, wenn der ursprüngliche Initiator der Talsperrenprüfung und zugleich geplanter Hauptabnehmer der Talsperre mit rund 25.000 Kubikmetern täglich, die Stadtwerke Wiesbaden, heute sagt, Wiesbaden braucht die Talsperre nicht.

Da sich die alten Argumente nicht mehr reimen, verfallen Politiker der etablierten Couleurs auf den verschiedenen Ebenen vom Land bis zu Kommunen mehr und mehr darauf, die Ernstbachtalsperre als Umweltschutzmaßnahme zu maskieren.

Entlastet die Ernstbachtalsperre das Hessische Ried?

Mit der skizzierten Wasserversorgungskonzeption war die rücksichtslose Ausbeutung des hessischen Riedes nur konsequent. Damals wurde die Ernstbachtalsperre nicht als Riedentlastung verkauft, sondern als weitere Erschließung für einen unersättlichen Bedarf. Und sie kann das gebeutelte Ried schon deshalb nicht entlasten, weil sie in diesem Jahrzehnt (ausstehender Baubeschluß, Planfeststellung, Klagen, Bauzeit, Sperrenfüllung) kein Wasser mehr liefern wird. In diesem Jahrzehnt aber muß die Sanierung ins Hessischen Ried abgeschlossen werden, wenn nicht wirklich Gefahren für die Wasserversorgung Rhein-Main drohen sollen; diese Wasserversorgung stützt sich zwangsnotwendig heute und in absehbarer Zukunft wesentlich auf das Riedwasser. Die angelaufenen Sanierungsmaßnahmen ins Ried mit künstlicher Grundwasseranreicherung haben als politische Vorgabe die Erhöhung der Fördermengen um mittelfristig 22 Millionen Kubikmeter pro Jahr - mehr als die Ernstbachtalsperre liefern kante.

Mittelfristig kommen weitere Grundwassererschließung im Vogelsberg mit mehr als 40 Millionen Kubikmetern jährlich hinzu.

Die Ernstbachtalsperre kann also weder jetzt, wo es nötig werden könnte, das Hessische Ried entlasten, noch ist sie später notwendig, wenn zusätzliches Trinkwasser in Ried und Vogelsberg erschlossen ist, während der Verbrauch stagniert.

Hinter vorgehaltener Hand geben Eingeweihte zu, daß die Ernstbachtalsperre eigentlich nicht notwendig ist und nur eine Notreserve darstellt.

Dümmer noch ist das »Argument«, die Talsperre sammle Oberflächenwasser; Oberflächenwassernutzung aber sei die umweltfreundlichste Art der Wassernutzung. Nur; Die Sammlung von Oberflächenwasser in Talsperren in den letztere intakten Bachtälern zerstört diese Kostbarkeit unserer Landschaften! Umweltfreundliche Nutzung von Oberflächenwasser erfordert die Entgiftung unserer Flüsse! Eine Talsperre zur Sammlung von Oberflächenwasser zehn Kilometer vom Rhein entfernt ist ebenso ein Witz wie die Schwimmbäder entlang der Flüsse - oder sind wir heute für solch einfache Wahrheiten blind? Es macht mich böse, wenn mit dem gleichen Atem »umweltfreundliche« Talsperrenverfechter vorschlagen, zur Finanzierung der Talsperre Gelder von der Abwasserreinigung abzuziehen.

Am Gelde hängt`s

Talsperren sind eine teuere Art, Trinkwasser zu gewinnen. Von veranschlagten Baukosten von 242 Millionen DM ist man inzwischen zu eingestandenen 400 Millionen DM gekommen, allerdings unter Zugrundelegung eines unrealistischen Zeitplanes der Verwirklichung des Projektes. Sie wird sicherlich erheblich teurer. Wenn die Talsperre an diesen Kosten scheitert, so soll mir das auch recht sein. Es wäre irrational, an Vernunft und bessere Argumente zu glauben.

Nachsatz

Bürgerinitiativen gehen über das wissenschaftliche, »objektive« Argument hinaus. Entsprechend subjektiv ist diese Arbeit. Sie konnte nur entstehen, weil ich mich auf die Nachforschungen, Ausarbeitungen, Kenntnisse und Diskussionen der »Freunde des Ernstbachtales« und anderer Menschen stützen konnte. Besonders erwähnen muß ich Helmut Bonn; Kasdorf i.Ts., Michael Crecelius, Strüth i. Ts. und Joachim Honsberg, Schlangenbad-Wambach.

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Keine Talsperre im Ernstbachtal - 3906

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Autor: Ronald Nickel